Sardinien Mai 2007

Zwei Wochen nach dem wir unser Zigeunermobil übernehmen können, kommt bereits die Feuertaufe. Wir fahren für eine Woche nach Sardinien. Dies im Frühling, weil es dann noch nicht so heiss ist und alles blüht, so die Meinung vieler regelmässiger Sardinien-Reisenden. Die Moby Fähren buchen wir bequem per Internet, alles andere ergibt sich vor Ort – schliesslich sind wir mobil und unabhängig.

Donnerstag, 17. Mai 2007
Moby-Fähre für Camping an Bord Es ist Auffahrt und alle fahren in den Süden – auch wir. Aber es regnet in Strömen und der Verkehr ist gar nicht so schlimm. Nur vor dem Gotthard staut es sich auf 3 Km Länge, was uns 40 Minuten Schleichfahrt einbringt. Macht nichts, unsere Fähre geht in Piombino erst um 22 Uhr los. Wir checken bereits um 19 Uhr 30 ein und fahren als eines der ersten Wohnmobile auf Deck. Camping an Board haben wir uns zwar etwas ruhiger vorgestellt, aber die Nacht geht trotz Lärm und Neonlicht über dem Fahrzeug vorüber.

Freitag, 18. Mai 2007
img_4448.jpg Der Wecker klingelt um 04:20 – wir legen gleich in Olbia an. Aber es dauert noch eine ganze Weile, bis die Dutzende von Sattelschleppern teils rückwärts und unter Freudenhupen das Schiff verlassen haben. Wir sind von der Nacht etwas gerädert und noch hundemüde. Auf einem schönen Aussichtspunkt über dem Golfo Aranci duschen wir erst mal gemütlich und frühstücken bei schönstem Sommerwetter. Der erste Tag führt uns der Küste entlang in den Norden. Im Surferparadies “Isola dei Gabbiani” gehen wir gegen Abend campen. Eine hügelige Halbinsel wurde zum Campingplatz umfunktioniert. Die kleinen Strässchen sind so kompliziert angelegt, dass wir uns mehrmals darauf verfahren. Unseren Arto richten wir natürlich perfekt für den kommenden Sunset aus und gehen danach am Strand unserer Füsse baden.

Samstag, 19. Mai 2007
img_4508.jpg Nachdem wir den fehlenden Schlaf nachgeholt haben, sind wir etwas spät dran, als wir um 11 Uhr wegfahren. Die heutige Streckenführung (dafür ist Judith zuständig) verlangt dem frischgebackenen WoMo-Fahrer einiges ab. Dank genügend Bodenfreiheit überlebt das Fahrzeug sogar den Abstecher zu der Kirche “San Pietro di Simbranos” unbeschadet. Bei einem Zwischenhalt beobachten wir 12 Motorradfahrer, die sich beim Losfahren im Pulk wie pubertierende Jungs benehmen. Der letzte hat noch einen kurzen Schwatz mit zwei Österreichern, die ihre Töffs neben uns geparkt haben. Danach gibt er kräftig Gas, um zu seinen Kollegen aufzuholen. 15 Minuten und 20 Kurven später regeln die Carabinieris den Verkehr und die Sanitäter versorgen den am Boden neben dem zermöbelten Töff sitzenden Fahrer. Im zweiten Anlauf finden wir nahe Alghero einen Campingplatz, der schon geöffnet ist. Bei Pasta, Insalata Caprese, Vino Rosso und einer swingigen Interpretation von Bach klingt unser Abend in einem schönen Pinienwäldchen aus.

Sonntag, 20. Mai 2007
dsc_3740.jpg Das späte Erwachen wird offenbar Programm, wir fahren wieder erst um 11 Uhr los Richtung Alghero. Bevor wir definitiv zum Verkehrshindernis Nummer 1 werden, parken wir in einer Seitenstrasse unweit vom Zentrum. Die Schwarzafrikaner mit ihren Auslagen an Sonnenbrillen und Handtaschen sind all gegenwärtig an der Strandpromenade. Der Jachthafen strotzt nur so von Segeljachten in der oberen Preislage. Ob Berlusconi und Putin hier auch was liegen haben? Nach unserem Stadtbummel fahren wir die tolle Küstenstrasse gegen Bosa. Hier gibts statt endlosen Sandstränden schroffe Steilküsten mit skurillen Felsen. Es weht stetig ein erfrischender Wind, der die 28°C erträglich macht. In Cuglieri sehen wir uns die schöne Kathedrale an, von wo aus man einen wunderbaren Weitblick geniessen kann. Anschliessend gehts durch viele Bergdörfer, die wir dank sonntäglicher Mittagsruhe fast ohne Gegenverkehr passieren können – kreuzen wäre hier meist unmöglich! Unser Ziel heisst heute “is Araenas” und des Fahrers Lohn kommt heute als Nudelauflauf aus dem Gasbackofen – mmhhhm!

Montag, 21. Mai 2007
dsc_3801.jpg Die Betreiber von “is Arenas” teilen nicht die allgemein gängige Auffassung von Hygiene beim Ver- und Entsorgen eines Wohnmobils. Was sich hier Camper Service schimpft, ist den Namen nicht wert. Wir rümpfen die Nasen und waschen uns anschliessend sehr gründlich die Hände. Unweit von unserem Campingplatz entdecken wir im Feuchtgebiet Stagno di Cabras Flamingos. Wir fahren in den südlichen Zipfel der Halbinsel San Giovanni di Sinis und schauen uns die frühchristliche Kirche sowie die Ausgrabungsstadt Tharros an. Einen Töfffahrer hören wir dozieren: “Diese Stadt war zuerst phönizisch, dann punisch, dann sarazenisch und erst dann römisch”. Darauf der zweite: “jo, und jetze isch se kaputt!” Unser Tagesziel ist Capo Pecora. Unser Reiseführer hat ausnahmsweise recht, wenn er vom Camperparadies spricht. Hier ist freies Campieren offenbar noch erlaubt und die Womos reihen sich je später die Stunde um so dichter an der Küste entlang. Dieser Abend ist unser bisheriges Highlight auf Sardinien. Selbst die überbackenen Auberginen schmecken hier noch einen Tick besser!

Dienstag, 22. Mai 2007
img_4565.jpg Nachtrag zum gestrigen Abend: Um 22 Uhr startet etwa 500 m Luftlinie von uns entfernt auf der Halbinsel eine Trash-Metal-Party (vielleicht etwas übertrieben, aber es dominieren Drums und E-Gitarre). Irgendwie finde ich die Idee der Insel-Jugend cool, so mit Generatoren, Halogenscheinwerfern, Verstärkern und Instrumenten direkt am Meer jenseits der Zivilisation einen durchzugeben. Dem guten Schlaf tuts keinen Abbruch. Wir fahren also nach dem gemütlichen Frühstück von Bruggerru die schöne Küstenstrasse Richtung Nebida und dann östlich durch die Kornkammer Sardiniens bis nach Monastir. Als Übernachtungsplatz haben wir uns einen öffentlichen Stellplatz oberhalb des Museums von Sanluri ausgesucht. Wir sind die einzigen hier im sardischen Nirgendwo und haben unsere mit Abstand ruhigste Nacht.

Mittwoch, 23. Mai 2007
img_4577.jpg Da unsere Fähre bereits am Donnerstag in unchristlicher Früh ab Olbia startet, müssen wir einen höheren Gang und ein paar Autobahnkilometer einlegen. Nach den vielen Gässchen durch die Bergdörfer, welche eigentlich knapp Fiat 500 tauglich sind, ist es eine Wohltat, bei 80 Km/h den Tempomaten einzuschalten und zurückzulehnen. Südlich von Olbia sehen wir uns die zunehmend versnobte Feriengegend an und machen auf einem Strandparkplatz Rast mit Abendbrot. Im Fährhafen ist selbstredend viel Betrieb. Zwischen 24 und 5 Uhr lässt es sich etwas schlafen.

Donnerstag, 24. Mai 2007
dsc_3855.jpg Die Fährfahrt war extrem ruhig, keine Welle trug ein Schaumkrönchen. Um 13 Uhr 30 spuckt uns der Rumpf der Moby-Fähre in Piombino wieder aufs Festland aus. Die Autobahn durch die Hügellandschaft Richtung Bologna hat es dann aber in sich. Hier mache ich meine zweite Fahrprüfung. Entweder reiht man sich mit Tempo 40 zwischen die dicken Brummis rechts ein und lässt sich eindieseln, oder man fährt mit hektischen 110 auf der vor allem in Tunnels viel zu schmalen Überholspur. Ich schwitze Blut, die Nerven liegen Blank, Judith wird weiss im Gesicht. Sind das Ferien? Abends um 19 Uhr 45 erhalten wir in Lazise die Antwort. In der Pizzeria werden wir mit “Guten Abend” begrüsst, auf der Speisekarte sind Würstel und Wienerschnitzel zu finden. Wir beschliessen einstimmig, dass unser Grieche zu Hause griechischer ist als der Italiener in Italien. Den Kurzen und den Grappa genehmigen wir uns in einem anderen Strassencaffe, da spricht der Kellner sogar italienisch. Heute schlafen wir den Schlaf der Gerechten.

Freitag, 25. Mai 2007
dsc_3858.jpg Heute sind wir um 10 Uhr fahrbereit und verlassen den Camping Municipale. Wir machen nur Pause, wenn nötig. Beispielsweise in einem “Autogrill” (Raststätte), den wir um die vorrätigen Amaretti und Cantucci erleichtern. Die verwunderten Blicke des Kassenpersonals kennen wir bereits von früheren Hamsterkäufen. Um Mailand rum gibts noch etwas Stau, ansonsten ist die Fahrt gegen den einsetzenden Pfingstverkehr flüssig. Ankunft in good old Roggwil ist um halb fünf.

Streckenstatistik:

  • Strecke gesamt: 2535 Km
  • Strecke auf Sardinien: 990 Km
  • Fahrzeit total: 43:48 Stunden
  • Verbrauch: 10.4 l/100 Km

5 thoughts on “Sardinien Mai 2007

  1. wenn man nun die Statistik etwas weiter spinnt: durchschnittliche Geschwindigkeit: 57 km/h, in Sardinien wahrsch. nur die Hälfte davon, bedeutet ca. 35 Stunden Fahrzeit in 5 Tagen, oder 7 Stunden pro Tag? wo liegt mein Ueberlegungsfehler? Und wie macht man auf einer Insel, die nur ca. 270 km lang ist, fast 1000 km? übrigens, danke noch mal für die Führung und’s feine türtli :)

  2. Na, na, Herr Tempranillo – Dr. Müller hat uns das präziser beigebracht :-) Die Fahrzeit nach Piombino, Piombino nach Lazise und Lazise nach Hause beträgt ca. 19.5 h. Dann bleiben noch 24.3 h in 6 Inseltagen (nicht 5). Somit kommen wir auf 4 Stunden pro Tag mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von knappen 41 Km/h. Die Bergsträsschen sind halt schon etwas kurviger angelegt als die Autobahnen.

  3. Noch mal Glück gehabt, sonst wäre noch der Verdacht aufgekommen, ihr wärt auf der insel mangels schattenspender möglichst viel bei eingeschalteter klimaanlage herumgekurvt. :

  4. Ferienstatistik ist ja das Eine und die nach meinem Empfinden mühsame Fahrerei auch, aber die Bilder sind eine Frechheit an alle zu Hause gebliebenen – vor allem wenn man sich vorstellen muss, dass man an solchen Orten auf bequeme Art die Nacht verbringen kann. — Geisers und die Weinbergschnecke, die wissen warum sie das Haus mitschleppen!

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